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Wie kleine Übergänge das Wohlbefinden in der Kita prägen
Oft sind es nicht die großen Konzepte, sondern vermeintlich unscheinbare Momente, die in der Kita über Stress, Sicherheit und Beziehung entscheiden. Sarah Bauer beschreibt, wie wir Kinder bei alltäglichen Übergängen so begleiten können, dass sie sich gesehen, beteiligt und sicher fühlen.
Im Kita-Alltag sind es selten die großen Programmpunkte oder Aktionen, die darüber entscheiden, wie ein Kind sich fühlt. Nicht das Projekt, nicht der Wochenplan, nicht das besondere Angebot. Das Wohlbefinden eines Kindes entsteht – oder bricht – in den kleinsten Momenten: beim Hochziehen der Jacke, beim Abwischen der Hände, beim ersten Löffel Mittagessen, beim Wickeln zwischen Tür und Angel oder mitten in der Unruhe des Gruppenraums. Mikrosituationen, die Erwachsenen kaum auffallen, wirken auf Kinder wie Brenngläser. Sie verstärken Nähe und Sicherheit – oder Stress und Überforderung.
Die Forschung ist hier eindeutig: Übergänge, körpernahe Tätigkeiten und Interaktionen mit direkter Nähe sind hochaffektive Situationen. Kinder müssen in Sekunden ihr Verhalten anpassen, Nähe zulassen, Autonomie aufgeben oder einfordern, Körpersignale regulieren und sich auf das Tempo der Erwachsenen einstellen. All das geschieht unter Stressbedingungen – besonders dann, wenn der Alltag eilt oder Routinen nur »funktionieren« sollen. Studien zeigen, dass genau diese Momente entscheidend sind für das kindliche Wohlbefinden: Sie aktivieren biologische Stresssysteme, berühren psychische Bedürfnisse und hängen eng mit der Qualität der Beziehung zu den Fachkräften zusammen. Essen, Wickeln und Anziehen sind deshalb keine Nebenbei-Tätigkeiten, sondern biopsychosoziale Knotenpunkte.
Wohlbefinden wird dabei nicht an »guter Laune« gemessen. Kinder zeigen es über Exploration, über Blickkontakt, über die Fähigkeit, sich der Fachkraft zuzuwenden, wenn sie Trost oder Orientierung brauchen. Bei gelingender Begleitung stabilisiert sich das Verhalten sichtbar: weniger Anspannung, mehr Interesse, zunehmende Selbstständigkeit, ruhigere Übergänge. Kinder, die sich sicher fühlen, kooperieren leichter, zeigen deutlich mehr Neugier und können ihre Bedürfnisse klarer äußern. Und: Sie halten auch Stress besser aus. Genau hier wird die fachliche Verantwortung deutlich. In Essen-, Wickel- und Anziehmomenten sind Kinder körperlich ausgeliefert. Sie brauchen Erwachsene, die präsent sind, Tempo rausnehmen, achtsam sprachlich begleiten und Partizipation ermöglichen. Wie wir diese Situationen gestalten, prägt nicht nur den Moment selbst. Es beeinflusst das emotionale Klima der gesamten Gruppe, die Beziehung zwischen Kind und Fachkraft und letztlich die Frage, ob Kinder die Kita als einen sicheren, würdevollen Ort erleben. Alltagssituationen entscheiden – täglich, manchmal im Sekundentakt. Und sie sind der Bereich des Kita-Alltags, in dem professionelle Feinfühligkeit am unmittelbarsten wirkt.
Warum Alltagssituationen so sensibel sind
Essen, Wickeln und Anziehen sind keine neutralen Abläufe. Sie sind hochsensible Übergänge, in denen Kinder innerhalb weniger Sekunden zwischen Nähe und Distanz, Kooperation und Autonomie, Aktivität und Passivität wechseln müssen. Diese schnellen Wechsel fordern das kindliche Stress- und Bindungssystem weit stärker heraus, als vielen bewusst ist. Aus entwicklungspsychologischer Sicht gehören diese Situationen zu den anspruchsvollsten Momenten des Tages – emotional, körperlich und sozial. Kinder verfügen noch nicht über die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren. Sie greifen auf die Regulation der Erwachsenen zurück: auf Stimme, Blickkontakt, Haltung und Tempo. Studien zeigen deutlich, dass Wohlbefinden und Stressniveau von Kindern in diesen Situationen unmittelbar von der Interaktion mit der Fachkraft beeinflusst werden. Hektik, Zeitdruck, Unvorhersehbarkeit oder ein schroffer Ton erhöhen physiologischen Stress. Umgekehrt senken präsentes, feinfühliges Verhalten und vorhersehbare Abläufe das Stressniveau messbar und fördern emotionale Sicherheit. Alltagssituationen wirken auf mehreren Ebenen gleichzeitig aktivierend:
- biologisch, weil Körperkontakt, Temperatur, Gerüche und Nähe intensiv wirken;
- psychisch, weil Autonomie, Kontrolle und Selbstwirksamkeit berührt werden;
- sozial, weil Kinder auf Orientierung und Resonanz angewiesen sind.
Diese drei Dimensionen überlagern sich und machen die Situationen so verletzlich, aber auch so wirksam. Hinzu kommt: Viele Kinder erleben diese Momente zunächst als Momente ohne Wahlmöglichkeiten. Sie müssen sich wickeln lassen, sie müssen sich anziehen, sie müssen mit der Gruppe essen. Die Frage ist nicht, ob die Situation stattfindet, sondern wie sie gestaltet wird. Gerade deshalb spielt Partizipation eine zentrale Rolle. Entscheidungen (»Welcher Ärmel zuerst?« »Bist du bereit?«) schaffen Einflussmöglichkeiten. Und Einfluss schafft Wohlbefinden. Die Forschung zeigt seit Jahren, dass Beteiligung – selbst im kleinsten Umfang – Stress reduziert und das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle stärkt. Kinder signalisieren sehr fein, wie es ihnen in diesem Moment geht: durch Körperspannung, Blickkontakt, Gestik, Verlangsamung, Abwehr oder Kooperationsbereitschaft. Diese Signale ernst zu nehmen und darauf abgestimmt zu handeln, ist Kern professioneller Feinfühligkeit. Wenn Fachkräfte diese Übergänge bewusst gestalten, entsteht ein doppelter Effekt: Das einzelne Kind erfährt Sicherheit und Würde – und der gesamte Gruppenalltag wird ruhiger, weil weniger Stress in den Systemen der Kinder hängenbleibt.
Sarah Bauer ist systemische Beraterin, pädagogische Fachberatung, Dozentin und Fachautorin mit Schwerpunkt auf bindungs- und beziehungsorientierter Pädagogik. Sie begleitet Kita-Teams und Leitungen dabei, Alltagssituationen so zu gestalten, dass Kinder Sicherheit, Würde und echte Verbindung erleben.
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Bilder: Unbekannter Künstler / Quelle: Canva



