Betrifft Kinder

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Wie Lerngeschichten bereichern

Mit inspirierenden und begeisternden Vorträgen und Workshops über die »Philosophie der Learning Stories« waren Wendy Lee, Direktorin des neuseeländischen »Educational Leadership Project« und ihre Kolleginnen im Herbst letzten Jahres in Deutschland und der Schweiz unterwegs. Unsere Autorin Regina Remsperger-Kehm, die den Ansatz der »Bildungs- und Lerngeschichten« am Deutschen Jugendinstitut mitentwickelte, berichtet sehr persönlich darüber, weshalb ihre eigene Begeisterung für Lerngeschichten bis heute ungebrochen ist und warum es sich lohnen kann, dem Enthusiasmus über Lerngeschichten in der pädagogischen Praxis auch weiterhin eine Chance zu geben.



Als ich im Herbst letzten Jahres den Vortrag und die Workshops von Wendy Lee und ihren Kolleginnen an der Hochschule Koblenz vorbereitete, merkte ich schnell, dass mit dem Besuch der neuseeländischen Kolleginnen nicht nur spannende und neue Inspirationen aus Downunder zu erwarten waren. Ich war auch deshalb so aufgeregt, weil mir bewusst wurde, wie bedeutend die »Philosophie der Lerngeschichten« für mich ist, und dass sie mein Denken und Handeln schon über viele Jahre beruflich und privat prägt. Angetrieben von einem tiefen Interesse und einer großen Faszination von der Art und Weise, wie sich Kinder die Welt erschließen, genoss ich es während meiner Zeit als Mitarbeiterin im Projekt »Bildungs- und Lerngeschichten« (Leu et al. 2007), Kinder bei ihrem alltäglichen Tun zu beobachten und ihnen zuzuhören, wenn sie mir eindrücklich erklärten, was sie denn gerade wie und warum getan haben. Ihre Gedanken, Äußerungen und Handlungen brachten und bringen mich immer noch zum Staunen – und es erfüllt mich mit Ehrfurcht, wenn ich daran teilhaben darf, wie sich Kinder die Dinge der Welt erklären.







Inspiration aus Neuseeland

Das große Interesse daran, mehr über die Lernwege und Lernprozesse von Kindern zu erfahren und das Streben danach, für Kinder Lernumwelten zu schaffen, in denen sie ihren Ideen und Gedanken versunken und ungestört nachgehen können, mögen vielleicht auch die Gründe dafür sein, weshalb sich zahlreiche Fachkräfte aus der pädagogischen Praxis auf den Weg machten, um den Vortrag von Wendy Lee an der Hochschule Koblenz zu erleben. Rund 300 Personen hörten Wendy Lee gebannt und konzentriert über drei Stunden lang zu und zeigten sich am Ende des Vortrags begeistert über die wertschätzende Haltung, die durch die Arbeit mit Learning Stories im Umgang mit Kindern und Familien gelebt wird. 

Auch wenn die bestehenden hohen Hürden hierzulande – wie unzureichende Rahmenbedingungen, zu wenig fachliche Begleitung, unzureichende Übung beim Schreiben von Lerngeschichten – angesprochen und diskutiert wurden, zeigte die Resonanz nach dem Besuch der neuseeländischen Kolleginnen, dass der »Funke übergesprungen war« und sich viele Fachkräfte in Deutschland erneut auf den Weg machen wollen, um Lerngeschichten in der pädagogischen Praxis zu beleben. 

Ein Grund dafür mag darin liegen, dass Wendy Lee und ihre Kolleginnen die Teilnehmenden ohne Zögern und Vorbehalte spüren ließen, was es bei der Begleitung kindlicher Lernprozesse vor allem braucht: Neugier, Offenheit, das Eingehen von Beziehungen und damit auch das Zulassen und Zeigen von Gefühlen!

In Deutschland tun wir uns in meinen Augen nach wie vor schwer, Gefühle, die untrennbar mit Lernprozessen verknüpft sind, klar zu benennen und sie – zumindest auch – als Grundlage des pädagogischen Handelns zu betrachten. Während ganz selbstverständlich konstatiert wird, dass Kinder zum Lernen eine Lernumgebung brauchen, in der sie eigene Emotionen zulassen und zeigen können, versuchen Erwachsene vielleicht doch allzu oft, Lernprozesse von Kindern durch möglichst objektive und neutrale Beobachtungen und mithilfe gezielt angewendeter Verfahren und Konzepte zu unterstützen.
 
Auch bei der Arbeit mit Lerngeschichten besteht die Gefahr, dass die Dokumentation im Sinne einer reinen Dienstleistung verstanden wird, die aufgrund mangelnder Ressourcen stark vereinfacht wird oder aus schablonenhaften Textbausteinen besteht, die kaum etwas mit den Lernprozessen der beobachteten Kinder zu tun hat (Weltzien 2009; Haas 2016; Müller/Zipperle 2011). Vor diesem Hintergrund überrascht das Ergebnis einer aktuellen Studie von Helen Knauf (2018) kaum: Offenbar entspricht nur ein geringer Anteil der untersuchten Lerngeschichten dem ursprünglichen neuseeländischen Grundgedanken. Kinder werden eher bewertet, als dass sich mit ihnen über ihr Lernen ausgetauscht wird. Wie aber kann es gelingen, Emotionen, die wir als Erwachsene bei der Begleitung kindlicher Lernprozesse empfinden, mit den Anforderungen an eine professionelle Beobachtung und Dokumentation zu verknüpfen?



Berührung ist der Schlüssel

Ich möchte dazu von einer Geschichte berichten, die ich selbst vor Jahren bei einer großen Familienfeier in einer Gaststätte erlebte: Es war laut und wuselig im Raum. Die Leute aßen und unterhielten sich angeregt und ständig rückten sie ihre Stühle an den u-förmig gestellten Tischen beim Aufstehen und Hinsetzen hin und her. 

Inmitten der Tischreihen saßen meine beiden Großneffen auf dem Boden. Sie waren damals im Kindergartenalter und steckten ihre blonden Köpfe zusammen. Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, was sie spielten, aber daran, dass sie in ihr Tun versunken waren und sich von dem Gewirr und der Lautstärke um sie herum nicht beirren ließen. Spannend war auch, dass sich zwei Großonkel zu ihnen gesellten. Zu viert saß die kleine Gesellschaft auf dem Boden inmitten der anderen Gäste, teilweise liegend und die Beine ausgestreckt. Ich erinnere mich, dass ich ergriffen war von dieser Szenerie: Die Erwachsenen ließen sich auf die Kinder und das Gespräch mit ihnen ein – alle völlig unbeeindruckt oder abgelenkt durch das, was um sie herum passierte. Die Zeit schien still zu stehen. Ohne genau zu wissen, um was es ging, spürte ich, dass dies ein ganz besonderer Moment war. 

Ist meine aufgeschriebene Erinnerung eine Lerngeschichte? Es ist keine Rede vom Lernen der Kinder, keine Rede von Lerndispositionen oder Lernstrategien. Aber wir können in dieser Szene beobachten, dass Erwachsene einen besonderen Moment von Kindern wahrnehmen, ihnen zuhören, sich auf ihre Interessen und Gefühle, auf ihr Wissen und auf ihre Neugier einlassen. Zu beobachten ist auch, dass die Erwachsenen ermöglichen, dass die Kinder selbst Beiträge leisten, die die Erwachsenen wiederum im Gespräch aufgreifen und somit wertschätzen. Die Erwachsenen schaffen in diesem Moment ein »Klima der Reziprozität«, das heißt ein Klima des wechselseitigen Aufeinanderbezogen-Seins, welches im neuseeländischen Curriculum als Grundlage für die Begleitung kindlicher Lernprozesse betrachtet wird (Schneider 2018). 

»Noticing« wird von Margaret Carr, die die Learning Stories in Neuseeland entwickelte, nicht umsonst als Ausgangspunkt eines fortwährenden Prozesses in der Arbeit mit Lerngeschichten bezeichnet. Ins Deutsche übersetzt meint »Noticing« etwas wahrnehmen und bemerken, aber eben auch etwas spüren. Im »Spüren«, das heißt im emotionalen oder auch intuitiven Wahrnehmen eines besonderen Moments liegt damit ein Schlüssel in der Arbeit mit Lerngeschichten – ein Schlüssel, der ein weiteres Verstehen (recognising), Antworten (responding), Dokumentieren (documenting) und Überdenken (revisiting) überhaupt erst ermöglicht. Nicht umsonst spricht man in diesem Zusammenhang in Neuseeland von »magic moments«. Indem wir Kinder wirklich achtsam beobachten, sie (neu) kennenlernen wollen, indem wir versuchen »zu verstehen, was für eine Person dieses Kind ist, wie es auf die Welt zugeht, wofür es sich engagiert, was es braucht« (Schneider 2011, S. 129) und indem wir Kindern wirklich zuhören, wird es möglich, dass wir diese so zauberhaften Momente von Kindern überhaupt erst wahrnehmen. Das Zulassen eines intuitiven Spürens gepaart mit dem pädagogischen Anspruch, Kinder mit einer großen Offenheit und Gewissenhaftigkeit zu beobachten, sind somit die entscheidende Grundlage, auf der Lerngeschichten entstehen können.



Kontakt
Regina Remsperger-Kehm
ist Diplom-Sozialpädagogin (FH) und promovierte zum Thema »Sensitive Responsivität in der Erzieher/in-Kind-Interaktion«. Die vierfache Mutter ist Professorin für Pädagogische Grundlagen der Sozialen Arbeit und Kindheitswissenschaften am Fachbereich Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz. 

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Den vollständigen Beitrag und weitere Artikel zum Thema können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 01-02/19 lesen.


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