Betrifft Kinder

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»Wie viel Mutter braucht das Kind?«, fragte die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert 2010 in ihrem Grundlagenwerk zur Krippenpädagogik. Diese  Frage kann fortgesetzt werden mit »Wie viel Krippe braucht das Kind?« bzw. »Ist für das Wohlergehen des Kindes gut?« Damit wird das Spannungsfeld von persönlichen Haltungen, ideologischen Positionen und den Bedürfnissen des »Kindes als Akteur und Gestalter seiner Entwicklung« für die Kleinstkindbetreuung im außerfamiliären Betreuungssetting sichtbar.



Vor diesem Hintergrund werden Begriffe wie Bindung, Bindungssicherheit oder Bindungsbeziehungen inflationär und selten fachlich hinterfragt genutzt. Bindung und Beziehung haben in der Frühpädagogik als grundlegende Basis für Bildung einen zentralen Stellenwert und sind für das Aufwachsen der Kinder in der Familie prägend. Nur wenn ein Kind sich sicher und geborgen fühlt, kann es offen für seine Umwelt sein – so auch die Botschaft der Hirnforschung.

Die jetzt erschienene DVD »Bindung und Beziehung« nimmt sich diesem Thema an und lässt hierbei renommierte WissenschaftlerInnen und ForscherInnen wie das Ehepaar Karin und Klaus Grossmann, Fabienne Becker-Stoll, Klaus Fröhlich-Gildhoff und Heidi Keller zu Wort kommen.

John Bowlby und Mary Ainsworth haben mit ihrer Bindungstheorie verdeutlicht, dass jedes Kind von Geburt an mit einem Verhaltenssystem ausgestattet ist, um sein physisches wie auch psychisches Überleben zu sichern und es aktiv an eine Bindungsperson heranzuführen. Bei Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung oder in Stresssituationen wie Hunger, Schmerz, Angst oder Müdigkeit sucht der Säugling aktiv diese Person. So lernt er in den ersten Monaten sehr intensiv, welche Person für ihn da ist, wenn es weint, anklammert oder Trennung erfährt. Damit ist Bindung für das Kind mit einem Erwartungsverhalten an eine ihm vertraute Person bzw., wenn wir an Kinder aus anderen Kulturen denken, ein bestimmtes Umfeld verbunden, genau von dieser Person bzw. diesem Umfeld Schutz und Fürsorge, Trost und Zuwendung zu erhalten. Sobald sein Bindungsverhalten deaktiviert wird, kann es wieder offen für seine Umwelt sein. Während das Kind in den ersten drei Lebensmonaten auf Schutz und Nähe noch recht unspezifisch freundlich reagiert, baut es – so ist es in der europäischen Mittelschichtfamilie üblich – in den nächsten Monaten durch wiederholende Erfahrungen mit ein oder zwei spezifischen Personen aus seinem Umfeld eine Bindung auf, die sich am meisten um es kümmern oder mit denen es am meisten soziale Interaktionen erlebt. So entwickelt sich im ersten Lebensjahr eine eindeutige Bindungspräferenz.






Fabienne Becker-Stoll hält für den Bindungsaufbau die emotionale Verfasstheit und das Wohlergehen der Hauptbindungsperson für entscheidend. Das Glück, das die Bindungsperson im Zusammensein und Interagieren mit dem Kind verbindet und das Glück, das das Kind auch erzeugt, helfen maßgeblich beim Bindungsaufbau. Dagegen kann eine auch hormonell bedingte depressive Verstimmtheit der Bindungsperson sowie Erschöpfungs- und Überforderungszustände oder das starke Gefühl, sich alleingelassen zu fühlen, einen guten Bindungsaufbau stark gefährden. Bindung so verstanden ist die erste basale Kommunikation zwischen dem Kind und einer Person, die am häufigsten und beständigsten für es da ist.

Aufgabe der Bindungsperson ist es, sich auf das Kind einzulassen, seine Bedürfnisse kennenzulernen und die auch noch so kleinen Signale nach Zuwendung oder Beruhigung zu erkennen. Im Konzept der Feinfühligkeit (Responsivität) wird das Verhalten der Bindungsperson beschrieben – Signale wahrnehmen, sie richtig interpretieren und auf sie angemessen und prompt zu reagieren. Wer diese Bindungsperson ist, ob Vater, Mutter oder eine andere Person, hat für das Kind keine entscheidende Bedeutung. Aus seiner Perspektive besteht eine klare Rangordnung: wer sich am meisten emotional und sozial um es kümmert und in der Lage ist, Betreuungsverantwortung zu übernehmen, wird zur bevorzugten Bindungsperson. Diese übernimmt somit in bindungsrelevanten Situationen die Rolle des sicheren Hafens, von der sich das Kind nach Beruhigung wieder seinem Explorationsinteresse zuwenden kann.

Kinder bauen während des ersten Lebensjahres zu ihren primären Bindungspersonen im günstigsten Fall eine starke Bindung auf und haben phylogenetisch keinen Bedarf für weitere Bindungspersonen. Mit ihren kulturvergleichenden Studien verweist Heidi Keller darauf, dass Bindung in gemeinschaftsorientierten Kulturkreisen zwar kein anderes Modell darstellt, jedoch die Rolle der Bindungsperson üblicherweise nicht von der Mutter, sondern von multiplen Netzwerken, insbesondere auch von älteren Kindern eingenommen wird und die Mutter dann in der Regel eine untergeordnete Rolle spielt.

Es erscheint mir für die weitere fachliche Diskussion wichtig zu sein, einerseits diese anthropologischen Bedingungen, die Kinder als Basis für ihr Wohlbefinden und Selbstwertgefühl brauchen, genau in den Blick zu nehmen. Andererseits sollten die Anforderungen an das professionelle Handeln der Fachkräfte insbesondere bei der Betreuung von Kleinstkindern im institutionellen System der Kita eingehender betrachtet werden. Der Übergang von der Familie in die Krippe ist für das Kind ein einschneidendes Ereignis, bei dem es ein hohes Maß von Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben zu leisten hat. Ein Großteil der Kindertagesstätten bezieht sich für den Prozess der Eingewöhnung auf das Berliner Modell, das von der Bindungstheorie geleitet, den Beziehungsaufbau zwischen dem Kind und einer Erzieherin in den Mittelpunkt stellt. Das Kind lernt vor dem Hintergrund seiner Bindungserfahrungen, Vertrauen zu einer Schutzperson in dem neuen Erfahrungsfeld aufzubauen. Als verlässliche Bezugsperson übernimmt die Bezugserzieherin die Rolle der sicheren Basis und wird zur Beziehungsperson, bei der das Kind aktiv Trost und Schutz finden kann, wenn es in emotionale Zustände des Unwohlseins gerät. Unberücksichtigt bleibt bei diesem Modell jedoch, dass das neue Kind in einer Kindergruppe auch das gesamte Gruppengeschehen mitbeeinflusst. ....



Jutta Daum ist Erziehungswissenschaftlerin (M.A.) und verfügt über langjährige Berufserfahrungen in einer Frühförder- und Beratungsstelle und ist in der Funktion der Trägeraufsicht und in der Beratung von Kindertagesstätten im Jugendamt Gießen tätig. Dort koordiniert und begleitet sie zudem die Familienzentren in ihrer Qualitätsentwicklung. Freiberuflich ist sie als Fortbildnerin tätig.

Kontakt
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Ein Positionspapier der Arbeitsgruppe Beziehungsgestaltung zum Thema Bindung und Beziehung sowie die Rolle der pädagogischen Fachkräfte im Kita-Alltag kann auf den Seiten des Netzwerkes Fortbildung Kinder unter drei Jahren heruntergeladen werden. 
https://netzwerk-fortbildung.jimdo.com/tagungen-des-bundesnetzwerks/ berlin-2017/


www.kita-fachtexte.de 
Sowohl das Berliner als auch das Münchner Modell für die Eingewöhnung werden auf den Seiten der Kita-Fachtexte ausführlich vorgestellt. 



Literatur
Ahnert, L. (2015): Wie viel Mutter braucht das Kind. Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat. Heidelberg: Spektrum
Gutknecht, D. u.a. (2017): Kinder bis drei Jahre in Krippe und Kita. Kindergarten heute: Praxis kompakt. Freiburg: Herder
Remsperger, R. (2008): Feinfühligkeit im Umgang mit Kindern. Kindergarten heute spezial. Freiburg: Herder


Den vollständigen Beitrag können Sie in unserer Ausgabe Betrifft KINDER 11-12/17 lesen.



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