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Gemeinsam durch schwere Zeiten
Als kurz hintereinander mehrere Fachkräfte Verluste erlitten, war das Team der Kita Hahnentange im ostfriesischen Rhauderfehn zum Glück gut vorbereitet. Die Leiterin Stefanie de Grave reflektiert eine Zeit, die nicht leicht, aber lehrreich und stärkend war.
Es war vor ziemlich genau zwei Jahren, am letzten Tag der Sommerferien. Innerlich bereitete ich mich bereits auf den morgigen Tag vor, und auch in unserer WhatsApp-Gruppe wurde schon fleißig geplant. Ich hatte ein gutes Gefühl. »Endlich mal ein Jahr, das ohne personelle Unklarheiten startet«, hatte ich noch am Morgen zu einer Freundin gesagt. Doch dann kam alles anders. Gerade als wir uns in der WhatsApp-Gruppe darüber austauschten, wer was zum gemeinsamen Frühstück mitbringen kann, erhielt ich die Nachricht einer Kollegin: »Meine Mama ist heute Nacht verstorben.«
Wenn die Welt stillsteht
Unerwartete Schwangerschaften, gebrochene Schultern, verrenkte Rücken – gefühlt hatten wir schon vieles erlebt, aber darauf waren wir nicht gefasst. Wenn das Sprechen schwerfällt, schreiben wir Nachrichten. Ich erfahre, dass die Mutter einige Tage im Krankenhaus behandelt wurde und eigentlich schon auf dem Weg der Besserung war. Die Nachricht sei so-mit sehr unerwartet gekommen. Einen kurzen Moment lang fühlte es sich an, als bliebe die Welt stehen – ein Gefühl, das kaum in Worte zu fassen ist. Klar ist, dass die Kollegin, selbst erst Ende Zwanzig, zunächst nicht arbeiten kann. Es ist zu viel zu verarbeiten und zu organisieren. Ihre Welt steht Kopf. Es gelingt mir, die Nachricht zunächst für mich zu verarbeiten. Das Team informiere ich am folgenden Tag, dem ersten Tag des neuen Kita-Jahres, an dem wir wie üblich noch ohne die Kinder zusammenkommen, um gemeinsam die Räume vorzubereiten und die kommenden Monate zu planen. Die Kolleginnen reagieren bestürzt. Viele Fragen stehen im Raum. Wie können wir die Kollegin unterstützen? Wie können wir die Arbeit in der Gruppe aufrechterhalten? Wer kann freigestellt werden, um an der Beerdigung teilzunehmen? Wie soll die Trauerkarte aussehen?
Ressourcen aktivieren
Inmitten all dieser Fragen erinnerten wir uns auch an unsere Trauerfortbildung beim Wurzelwerk im benachbarten Westoverledingen. Drei Jahre zuvor hatte unser Team daran teilgenommen. Mit der Finanzierung der Fortbildung stärkte uns der Träger, nachdem Kilian, eines unserer Kindergartenkinder, unheilbar erkrankt und dann auch verstorben war. Die Fachberatung und Trauerbegleitung mit Veronika Greipl hatte uns mithilfe vieler konkreter Handlungsmöglichkeiten durch die schwere Zeit getragen. Wir lernten, einen Trauertisch für Kilian zu gestalten, ließen Luftballons für ihn steigen, und eine nähbegeisterte Mutter aus seiner Kitagruppe nähte ein Trostkissen mit dem Bild unseres Kita-Hahns Konstantin. Auf diese Erfahrungen zugreifen zu können, erlebten wir als eine große Unterstützung. Neben den konkreten Handlungsmöglichkeiten hatten wir uns damals auch mit pädagogischen Herangehensweisen beschäftigt, z.B. dazu, wie Kindern Verluste vermittelt werden können, wie Reaktionen von Kindern aussehen und wie wir auf sie eingehen können. Außerdem erarbeiteten wir einen Handlungsplan für den Fall eines Todesfalls. Vorbereitete Elternbriefe oder auch die bereits vorhandenen Utensilien für einen Trauertisch gaben dem Team Sicherheit. Einige von uns legten sich auch wieder einen kleinen Stein in die Hosentasche, an dem man sich in schweren Momenten »festhalten« kann. Wie damals schon, gab uns vor allem das Gefühl, auch in schweren Momenten handlungsfähig zu bleiben, Sicherheit.
Handlungsfähig bleiben
Dank dieser Ressourcen gelang es uns, wichtigste Routinen wie die Planung des neuen Kita-Jahres und den Start mit der Eingewöhnung der neuen Kinder aufrechtzuerhalten. Ich konnte auch für die junge Kollegin da sein, ihr zuhören, sie über die Möglichkeit eines zweitägigen Sonderurlaubs informieren und zum Geschehen in der Kita auf dem Laufenden halten. Das Schicksal meinte es wirklich nicht gut mit uns: Keine drei Wochen später verstarb die Mutter ihrer direkten Gruppenkollegin und weitere vier Wochen später die Mutter ihrer Vertretungskollegin. Anders als bei unserer jungen Kollegin waren diese beiden Mütter im hohen Alter. Doch obwohl ihr Tod absehbar war, war er dennoch schwer zu ertragen und kaum zu fassen. Weitere Kolleginnen erlebten im privaten Umfeld schwierige Situationen wie Trennungen und schwer verlaufende Erkrankungen von Familienmitgliedern. Natürlich erledigten wir unsere Arbeit und führten unsere Angebote wie gewohnt durch. Doch man spürte im Haus, dass etwas anders war als früher. Auch die Kita-Familien merkten, dass ein Teil unserer Leichtigkeit fehlte, dass die Atmosphäre eine andere war – ohne es genau benennen zu können. Offenheit bringt Verständnis Veronika Greipl stand uns auch in dieser Zeit wieder zur Seite – als Ansprechpartnerin für die betroffenen Kolleginnen, für das Team und für mich als Leitung. Sie ermutigte uns, unsere Situation offen zu machen. Bei der nächsten Elternvertretersitzung informierten wir die Eltern darüber, dass aktuell mehrere Kolleginnen mit schweren Verlusten und schwierigen Situationen im privaten Umfeld zu kämpfen haben. Es gelang uns, verständlich zu machen, warum z.B. das Lächeln morgens bei der Begrüßung nicht immer leichtfällt, der Smalltalk schwerer über die Lippen kommt oder die Stimmung gedrückt scheint. Wir schafften es, die Atmosphäre im Haus transparent zu erklären und dank der positiven Rückmeldungen ein klein wenig Zuversicht in unseren Alltag zurückzuholen, ohne jede einzelne Geschichte bis ins Kleinste darzustellen und damit die Privatsphäre der Betroffenen zu wahren.
Stefanie de Grave leitet die Kita Hahnentange seit der Kern-sanierung des ehemaligen Schulgebäudes im Jahr 2017. Aktuell werden hier 73 Kinder mit und ohne Unterstützungsbedarf von 0 bis 6 Jahren teiloffen von 15 qualifizierten Fachkräften betreut sowie – in separaten Räumen inmitten der Einrichtung – eine heilpädagogische Gruppe mit acht Kindergartenkindern als Kooperationsgruppe des Trägers Lebenshilfe Leer e. V. von drei Fachkräften. Bereits 2025 erschien in Betrifft KINDER (Ausgabe 03/04) mit »Eine tolle Truppe« ein Beitrag unserer Redakteurin Jutta Gruber über die Arbeit dieser Einrichtung.
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