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Worte hören. Herzen verstehen
Kinder, die schweigen, werden im Alltag schnell als zurückhaltend oder unsicher wahrgenommen. Doch was hören wir wirklich, wenn Kinder nicht sprechen? Ziad Latif arbeitet als Erzieher und Gruppenleiter im Elementarbereich. Er beschreibt, wie sich sein Blick auf Kommunikation, Beteiligung und Beziehung durch die Begegnung mit einem Kind mit selektivem Mutismus verändert hat.
Die Kinder sitzen im Morgenkreis auf dem Teppich. Sie singen, erzählen und lachen. Der viereinhalbjährige Ivan sitzt dicht neben mir. Seine Lippen bewegen sich zum Lied, doch kein Ton ist zu hören. Wenn ich ihn anspreche, schaut er weg. Seine Hände suchen Halt an seiner Hose, sein Blick wandert durch den Raum. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass er dazugehört, präsent und aufmerksam ist – ein beteiligter Teil der Gruppe. Nur eben still. Ich habe schon einige Kinder wie Ivan kennengelernt. Kinder, die nicht sprechen, obwohl sie offensichtlich alles verstehen. Kinder, die sich zurückziehen, sobald sie angesprochen werden. Kinder, die Fragen aufwerfen: »Verstehe ich dich nicht?« »Willst du nicht sprechen?« »Muss ich dich mehr motivieren?« Im Fall von Ivan lernte ich zu verstehen, dass es für sie nicht ums Nicht-Wollen, sondern ums Nicht-Können geht und wie ich damit umgehen kann.
Ankommen
In den ersten Wochen des neuen Kitajahres blieb Ivan fast durchgehend in der Nähe seiner Mutter. Während die anderen Eingewöhnungskinder begannen, die Räume zu erkunden, saß er dicht neben ihr und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Wenn seine Mutter den Raum verließ, reagierte Ivan überfordert. Er begann zu weinen und suchte nach Orientierung. Immer wieder fiel mir auf, wie genau er seine Umgebung wahrnahm. Er beobachtete Kinder beim Spielen, hörte Gesprächen zu und reagierte sensibel auf Veränderungen im Raum. Nichts schien ihm zu entgehen. Besonders berührte mich die Szene, als er begann, Kontakt mit einer damals 14-jährigen Schulpraktikantin aufzunehmen: Er setzte sich neben sie, brachte ihr Materialien oder schaute sie aufmerksam an. Gesprochen hat er dabei nicht – und trotzdem entstand eine Beziehung. Solche Momente zeigten mir, dass Schweigen nicht bedeutet, keinen Kontakt zu wollen. Ivan suchte Verbindung. Nur eben auf seine Weise.
Zwischen Zuhause und Kita
Im Gespräch mit Ivans Eltern lernte ich eine andere Seite von Ivan kennen. Sie berichteten, dass er sich zu Hause lebhaft, humorvoll und sehr kommunikativ zeigt. Er erzähle, spiele, stelle Fragen und nehme aktiv Kontakt auf. Besonders in vertrauten Situationen, etwa bei Videotelefonaten mit seiner Großmutter, spreche er ausführlich und selbstverständlich auf Russisch. Dieser Unterschied zwischen Zuhause und Kita war sowohl für die Eltern als auch für mich zunächst schwer zu verstehen. Warum verstummt ein Kind in der Kita? Wenn sein Schweigen keine Verweigerung ist, könnte es vielleicht eine Reaktion auf innere Anspannung sein? In den Gesprächen mit den Eltern erfuhr ich zudem von ihrer Sorge, dass Ivan von anderen als unhöflich, verschlossen oder auffällig wahrgenommen werden könnte. Wir rückten Ivans Schweigen aus dem Fokus unserer Überlegungen und stellten stattdessen die Frage, wie er Sicherheit erleben kann, in den Mittelpunkt. Die Offenheit der Eltern berührte mich ebenso wie ihr Bedürfnis nach Entlastung. Regelmäßig suchten sie das Gespräch, organisierten Arzttermine und standen in engem Austausch mit den Fachkräften und der Logopädin. Vielleicht brauchen nicht nur Kinder Räume ohne Druck? Vielleicht brauchen auch Eltern die Erfahrung, dass Entwicklung nicht erzwungen werden muss? Ivan spricht zu Hause viel und in der Kita kaum. Meine Gedanken kreisten zunehmend um die Frage, was er uns mit seinem Verhalten mitteilt, und veränderten mit der Zeit meinen Blick.
Ziad Latif arbeitet als Erzieher und Gruppenleiter im Elementarbereich. Seine pädagogischen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Beziehung, Diversität, Mehrsprachigkeit, Inklusion, vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung sowie kindliche Ausdrucksformen.
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