KINDER in Europa extra
in Betrifft Kinder 12/07
Kindergärten in Europa
Auf dem Weg zu einer europäischen Strategie
für Einrichtungen für junge Kinder
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In Europa besteht heute weitgehende Übereinstimmung darüber, dass vielfältige, qualitätsbewusste Einrichtungen für junge Kinder und ihre Familien gebraucht werden. Internationale Organisationen, darunter auch die Europäische Union, verschiedene Ebenen der Regierungen und Verwaltungen, soziale Partnerorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und viele Eltern fordern diese Einrichtungen. Aber wie sollen sie beschaffen sein? Auf welchen Prinzipien und Werten sollen sie aufbauen? Handelt es sich nur um eine innere Angelegenheit der Mitgliedsstaaten, auf nationaler und regionaler Ebene? Oder muss mehr auf der europäischen Ebene getan werden? Und wenn ja: Welche Strategie ist auf europäischer Ebene notwendig und sinnvoll? Brauchen wir eine gemeinsame europäische Strategie für Einrichtungen für junge Kinder? All diese Fragen werden in diesem Papier diskutiert.
Was sind eigentlich Einrichtungen für junge Kinder?
Nachdem wir diese Werte - beruhend auf unserem Bild vom Kind - definiert haben, schlagen wir von "KINDER in Europa" zehn Prinzipien als Grundlage für eine europäische Strategie vor. Wir tun das im Geiste der Offenheit und mit dem Wunsch nach einem demokratischen Dialog, aber auch mit dem klaren Ziel, eine gemeinsame Basis zu finden, die allen jungen Kindern in Europa gemeinsame Rechte in Bezug auf die Einrichtungen sichert - eine dringliche Aufgabe zu einer Zeit, in der eine wachsende Zahl von Kindern diese Einrichtungen besucht.
Wir sehen auch, dass die Einrichtungen, um die es hier geht, nur Teil eines Netzwerks von Einrichtungen und anderen Strategien sind, das gebraucht wird, um eine gute Kindheit zu garantieren, Eltern zu unterstützen und Ungleichheit, Ausgeschlossensein und Ungerechtigkeit zu reduzieren.
Diese Prinzipien sollten als Ziele verstanden werden, nach denen wir streben. In vielen Fällen müssen sie in einzelne Schritte unterteilt und können nicht sofort komplett umgesetzt werden. Über den Zeitraum für die Umsetzung wird man diskutieren müssen. Die Auffassung von "KINDER in Europa" ist, dass die Ziele bis 2020 umgesetzt werden können und sollten.
1. Zugangsmöglichkeit: ein Recht für alle Kinder
Die Zugangsmöglichkeit ist ein Recht für alle Kinder. Alle Kinder sollten das Recht auf einen Platz in einer Kindereinrichtung haben, unabhängig von einer möglichen Behinderung oder besonderem Förderungsbedarf; unabhängig davon, wo sie leben; unabhängig vom Einkommen der Familie oder anderen Umständen einschließlich der Frage, ob die Eltern Arbeit haben oder nicht. Dieses Recht ist keine Alternative zum Mutterschafts- oder Elternurlaub, auf die die Eltern bereits überall in Europa Anspruch haben. Beides wird gebraucht, beide Rechte sind für Kinder und Eltern von hohem Wert.
2. Erschwinglichkeit: ein kostenloses Angebot
Da die Einrichtungen für junge Kinder ein Recht von Kindern und Familien sind und in öffentlicher Verantwortung liegen, sollten sie kostenlos angeboten werden. Die Finanzierung sollte aus Steuermitteln kommen. Die Untersuchung durch die OECD in "Starting Strong" kommt zu dem Schluss, dass die direkte Finanzierung der Kindereinrichtungen mehr Vorteile bringt als eine indirekte Finanzierung durch Gebühren, die die Eltern bezahlen.
3. Die pädagogische Methode: ganzheitlich und auf verschiedene Bedarfe gerichtet
Die Einrichtungen sollten als öffentliche Institutionen, Stätten der Begegnung und der Beziehungen zwischen Kinder und Erwachsenen verstanden werden. Sie sollten eine ganzheitliche Methode anwenden und verschiedene Bedürfnisse erfüllen, was sowohl den vielfältigen Möglichkeiten entspricht, die die Einrichtungen bieten können, als auch der Vielfalt der Kinder und ihrer Familien. Sie sollten eine sichere, Geborgenheit vermittelnde Betreuung anbieten ("Kinderbetreuung") und mit einer Ethik der Betreuung arbeiten, die sich in all ihren Aktivitäten und Beziehungen widerspiegeln sollte. Aber die Betreuung sollte in einem größeren Zusammenhang stehen - als integraler und nicht zu isolierender Teil der Erziehung von Kindern, als großes Ziel, das das Lernen, die sozialen Beziehungen, die Ethik und Ästhetik, das emotionale und körperliche Wohl umfasst - "Bildung im weitesten Sinne". Die Einrichtungen sollten die schon vorhandenen und anerkannten Möglichkeiten anbieten und daneben offen sein für neue und unerwartete Ziele und Aufgaben und für Ergebnisse, die nicht im Voraus vorhergesehen und geplant wurden. Sicher, Ergebnisse haben eine Bedeutung, aber nicht nur die Ergebnisse sind damit gemeint, die vorhergesagt wurden. Die Frage, die an alle Einrichtungen gestellt werden muss, ist nicht: "Hat sie die Ergebnisse A, B und C erreicht?", sondern "Was hat sie erreicht?"
4. Beteiligung: ein grundlegender Wert
Die Einrichtungen sollten Beteiligung und Einbeziehung aller als Grundwert ansehen, als Ausdruck der Demokratie und als Mittel, dafür zu sorgen, dass niemand ausgeschlossen wird. Einbeziehung erfordert eine pädagogische Arbeit, die die Entwicklung und Erziehung jedes Kindes unterstützt. Einbeziehung bedeutet, die ganze Gemeinde, alle Kinder und Erwachsenen, einschließlich der Eltern, alle Berufstätigen, die in den Einrichtungen arbeiten, und andere Bürger, zu beteiligen.. Die Einbeziehung befähigt all diese Gruppen, zum Aufbau eines gemeinsamen Projekts und zu jedem Aspekt des Lebens in der Einrichtung beizutragen; es ermöglicht ihnen auch, auf vielerlei Weise zu helfen und aktiv am Management, an Entscheidungen und an der Einschätzung und Bewertung der Einrichtung mitzuwirken.
5. Kohärenz: der Rahmen, um die gemeinsame Strategie zu gestalten
Alle Einrichtungen sollten in einem einzigen, kohärenten Rahmen arbeiten, der eine gemeinsame Herangehensweise und gemeinsame Bedingungen in allen Einrichtungen für junge Kinder ermöglicht. Dieser Rahmen sollte Folgendes umfassen: die Zugangsmöglichkeiten, die Erschwinglichkeit, die pädagogische Praxis, den curricularen Rahmenplan, die Einbeziehung und Beteiligung aller, die Evaluierung, Minimalstandards, was die Umwelt und das Personal betrifft einschließlich der Qualifikation und Arbeitsbedingungen der Arbeitskräfte, eine förderliche Infrastruktur. Einen solchen Rahmen für die Einrichtungen für Kinder von der Geburt bis zum Schulalter zu entwickeln und anzuwenden wird einfacher, wenn ein und dieselbe Abteilung in Regierung und Verwaltung aller Ebenen für die Einrichtungen zuständig ist.
6. Vielfalt und Auswahl: Voraussetzungen für Demokratie
Alle Einrichtungen sollten die Vielfalt in ihren verschiedenen Dimensionen als fundamentales Element und Wert der europäischen Kultur anerkennen, respektieren und positiv bewerten. Sie sollten die Vielfalt der Sprachen, Ethnien, Religionen, der Geschlechter, der sexuellen Orientierungen, der Behinderungen und Begabungen unterstützen und gegen Stereotype und Diskriminierung vorgehen. Das sollte sich in ihrer Offenheit gegenüber allen Kindern und Familien ausdrücken, aber auch in ihrer täglichen Praxis und in der Zusammensetzung ihres Personals, das die Vielfalt der örtlichen Gemeinde widerspiegeln muss und zu dem wenigstens 20 Prozent Männer gehören sollten. Die Einrichtungen sollten darin bestärkt und unterstützt werden, mit verschiedenen Paradigmen, Theorien und Praktiken zu arbeiten, in Wettbewerb mit den vorherrschenden Diskursen zu treten und ein neues Denken und neue Arbeitsmodelle zu entwickeln. Die Einrichtungen sollten daher zu Orten werden, an denen Vielfalt nicht einfach nur reproduziert, sondern aktiv entwickelt wird, in dem die Ko-Konstruktion neuen und verschiedenen Wissens, neuer Werte und Identitäten durch alle Beteiligten - Kinder und Erwachsene - unterstützt wird.
Anerkennung, Respektierung und Wertschätzung der Vielfalt von Menschen, Praktiken und Ansichten und Anerkennung und Wertschätzung der Wahlmöglichkeiten - verstanden als partizipatorisches und alle beteiligendes Entscheiden (die demokratische Ausübung der Wahl) - sind Voraussetzungen für die Demokratie in den Einrichtungen für junge Kinder. Das ist ein weiterer bedeutender Wert, der alle Aspekte der Einrichtungen durchdringen sollte.
Eltern und Kinder sollten die Wahl haben, welche Einrichtungen die Kinder besuchen können. Doch diese individuelle Ausübung des Wahlrechts stellt nur eine Bedeutung des Begriffs Auswahl dar, nur einen von vielen Werten. Dieser Wert darf nicht über andere Werte gestellt werden, denn das könnte zu einer Ghettobildung und anderen sozial schmerzhaften Folgen führen.
7. Evaluierung: partizipatorisch, demokratisch und transparent
Die Evaluierung muss ein fortlaufender, demokratischer Prozess sein, an dem alle beteiligt werden. Dieser Prozess sollte für alle Bürger, Kinder und Erwachsenen offen sein und jedem die Chance bieten, über reale, konkrete Themen zu diskutieren und mit anderen Menschen die Verantwortung für Einschätzungen zu übernehmen. Darum geht es und nicht um ein Verstecken hinter der angenommenen wissenschaftlichen Objektivität von Evaluierungen durch Experten und Manager. Dafür werden Methoden gebraucht wie die pädagogische Dokumentation, die die Praxis zum sichtbaren, transparenten Gegenstand von Reflexionen, Dialog, Interpretation und Werturteilen macht und Raum dafür lässt, auch zu unerwarteten Ergebnissen zu kommen.
8. Die Arbeit bewerten: eine Aufgabe von 0 bis 6
Unsere Vorstellung von Kindereinrichtungen und die oben umrissenen Prinzipien erfordern den Fachmann und die Fachfrau, die dafür qualifiziert sind, pädagogisch mit Kindern von der Geburt bis zum Alter von sechs Jahren zu arbeiten - und nicht nur mit Kindern zu arbeiten, sondern auch mit den Familien und der sie umgebenden Gemeinde. Das ist eine komplexe, anspruchsvolle und wichtige Aufgabe. "Fachmann" und "Fachfrau" kann dabei für unterschiedliche Berufe stehen. Er oder sie kann Erzieher sein, Lehrer, Atelierista oder Pedagogista. Aber sie alle brauchen gemeinsame Kompetenzen: Sie müssen kritisch denken, im Zusammenhang stehende Bewertungen abgeben, mit Individuen und Gruppen arbeiten, Grenzen überschreiten und auf demokratische Weise zuhören, kommunizieren und arbeiten. Außerdem müssen alle den Lehrern im Schulsystem gleichgestellt sein in Bezug auf das Niveau der Anfangsqualifikation und der weiteren beruflichen Entwicklung (Fortbildung), in Bezug auf Bezahlung und andere Arbeitsbedingungen. Nicht alle Menschen, die in den Einrichtungen arbeiten, müssen dementsprechend ausgebildet sein, aber doch die meisten.
9. Einrichtungen für junge Kinder und Schulen: eine starke und gleichberechtigte Partnerschaft
Einrichtungen für junge Kinder und Schulen müssen auf ein Ziel hin arbeiten, das die OECD als "starke und gleichberechtigte Partnerschaft" bezeichnet. Sie müssen als gleichberechtigte Teile des Bildungssystems behandelt werden. Diese Partnerschaft muss auf dem gemeinsamen Verständnis vom Kind, von den Einrichtungen für Kinder und von Bildung beruhen. Bildung ist in diesem Sinne ein Prozess, in dem Wissen, Werte und Identität konstruiert werden; dabei geht es in erster Linie um Emanzipation und das Heranwachsen von gesunden, kompetenten und moralischen Menschen. Der Prozess sollte nicht über akademische Fächer organisiert werden, sondern über Gebiete, die für das individuelle Gedeihen, eine demokratische Gesellschaft und eine nachhaltig entwickelte Umwelt wichtig sind: Kommunikation, Kultur, Wissenschaft und Technologie, Gesundheit, Umwelt und nachhaltige Entwicklung, Demokratie und Staatsbürgerschaft, Kreativität und Neugier, Betreuung.
Die Schulen können von den Einrichtungen für junge Kinder viel lernen, besonders wenn die Einrichtungen so sind, wie wir sie uns hier vorstellen. Pädagogische "Treffpunkte" werden gebraucht, an denen beide Arten von Einrichtungen in Dialog treten und neue Werte und Praktiken ko-konstruieren können, die beide befähigen, Bildung im weitesten Sinne des Wortes zu vermitteln und dabei anzuerkennen, dass der eng akademisch definierte Erfolg weder das einzige noch notwendigerweise das wichtigste Ziel von Bildung ist.
Es gibt viele Bedingungen, die eine "starke und gleichberechtigte Partnerschaft" fördern können. Dazu gehört ein starker und selbstbewusster Bereich der frühen Kindheit. Der kann eher dort erreicht werden, wo die Kinder erst in die Grundschule kommen, wenn sie mindestens sechs Jahre alt sind.
10. Internationale Partnerschaft: Lernen – gemeinsam mit anderen Ländern
Europa verfügt über ein reiches Erbe an Theorie und Praxis, das sich heute in örtlichen (und einigen nationalen) Erfahrungen fortsetzt. Einige davon sind lebende Beispiele für die Prinzipien, die wir in diesem Papier aufgestellt haben. Gleichzeitig steht Europa aber starken Kräften gegenüber, die das Beste aus unserem Erbe und unserer aktuellen Erfahrung aufs Spiel setzen, indem sie es durch kümmerliche, standardisierte Alternativen ersetzen, durch eine Herangehensweise, die allein vom Markt ausgeht, die eng, berechnend und vertragsgebunden, instrumentalisiert und technisch ist. Um im Wettbewerb mit dieser Herangehensweise an das Thema Kindereinrichtungen bestehen zu können und sie mit einer europäischen Alternative zu konfrontieren, ist es wichtig, die Partnerschaft in Europa auszuweiten und zu vertiefen und dabei viele Teilnehmer und alle Ebenen einzubeziehen.
Damit fangen wir nicht bei Null an. "KINDER in Europa" ist nur eine von vielen Partnerbeziehungen, die schon bestehen. Wir müssen immer mehr zwischenstaatliche Räume erschaffen, europäische Begegnungsstätten, in denen Dialog und Reflexion sich entwickeln und es möglich ist, Grenzen zu überschreiten, um neue Perspektiven zu erkunden. Begegnungsstätten, in denen die Praxis (auf allen Ebenen einschließlich der Politik) sichtbar gemacht und kritisch diskutiert werden kann und wir miteinander lernen und neues Wissen ko-konstruieren können. Als Teil dieses Prozesses sollte der Austausch von Arbeitskräften zwischen den Ländern sowohl kurz- als auch langfristig weiter erleichtert werden.